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Die bei weitem
geheimnisvollsten Pyramiden von Mexiko sind jene, die Teotihuacán
beherrschen. Diese Ruinenstadt ungewissen Alters befindet sich ca. 65
Kilometer nördlich der Stadt Mexiko. Ihr Name in der Nahuatl-Sprache
des einheimischen Aztekenvolkes bedeutet „der Ort, wo Menschen zu Göttern
wurden“. Dies impliziert, dass die uralten Könige dort die materielle
Welt überwanden, um das Reich der Unsterblichen zu erreichen. Die Denkmäler
des Orts, der ursprünglich eine Fläche von 20 Quadratkilometer umfaßte,
sind durch eine kerzengerade Prozessionsstraße, den sogenannten „Weg
der Toten“, miteinander verbunden. Ihre Ausrichtung ist 15 Grad und 30
Minuten östlich des wahren Nordens und westlich des wahren Südens. An
ihrem nördlichen Ende befindet sich eine fünfstufige Pyramidenstruktur
bekannt als die Pyramide des Mondes, die 46 Metern emporragt. Ungefähr
ein Kilometer südlich, auf der östlichen Seite des Weges der Toten,
befindet sich eine weitere, genauso eindrucksvolle Struktur, die
Pyramide der Sonne. Diese erreicht eine Höhe von 70 Metern und hat ein
ungefähr 222 Meter langes Fundament. |
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In der Nähe, innerhalb eines eigenen
eingeschlossenen Bezirkes, findet man die viel kleinere Pyramide von
Quetzalcoatl. Es waren die Azteken, die diese Denkmäler so nannten,
nachdem sie die Gegend im vierzehnten Jahrhundert n. Chr. überrannt
hatten. Bis zu dieser Zeit war die Stadt Teotihuacán bereits uralt und
die Azteken waren davon überzeugt, dass ihre Vorfahren, die Tolteken,
es gebaut hatten. Der Gründer-Gott dieses Volkes war Quetzalcoatl, die
„gefiederte“ Schlange. Nach einer Legende brachte dieser Gott die
Zivilisation nach Mexiko. Anscheinend besuchte Kaiser Montezuma II, der
zur Zeit von Cortés über Mexiko herrschte, die Stadt häufig. Dort
huldigte er Quetzalcoatl in tiefer Verehrung. Vielleicht war es
selbstverständlich für ihn anzunehmen, dass die weit gestreuten
Ruinen von Teotihuacán den Ort der ersten Schöpfung umfaßten,
ebenso wie die antiken Ägypter Rostau (der uralte Name für
„Giseh“) in ihren Büchern der Unterwelt als Ort der ersten Schöpfung
betrachteten. Dem Schöpfungsmythos der Azteken zufolge hatte es vor dem
ersten Sonnenaufgang vier frühere Sonnen oder Zeitalter gegeben.
Tezcatlipoca war der Hauptgott der ersten Sonne. Jene Menschen, die
damals auf der Erde lebten, waren Riesen; in den letzten Tagen hatten
Jaguare sie verschlungen. Ehecatl, der Windgott (und eine Gestalt bzw.
Form von Quetzalcoatl), wachte über die zweite Sonne, aber der Wind
zerstörte diese Welt und ihre Bewohner verwandelten sich in Affen. Der
Regengott Tlaloc herrschte über die dritte Sonne, aber sie wurde von
einem Feuerregen ausgelöscht, die Bewohner in Schmetterlinge, Hunde und
Truthähne verwandelt. Die Wassergöttin Chalchiuhtlicue kontrollierte
die vierte Sonne, Nahui Atl (Vier Gewässer), aber diese Welt wurde überschwemmt,
und seine Bewohner wurden zu Fischen (das bedeutet, dass sie ertranken).
Nachher kam eine fünfte Sonne oder ein Zeitalter, die Tezcatlipoca und
Quetzalcoatl gemeinsam einleiteten. Sie nahmen die Gestalt hoher Bäume
an und stützten den Himmel. Diese Götter schlachteten den Kaiman (oder
das Krokodil), aus dessen Körper sie die gegenwärtige Welt schufen.
Dann stieg Quetzalcoatl, begleitet von seinem Zwilling Xolotl, in die
Unterwelt hinab auf der Suche nach den Knochen jener, die im vorherigen
Zeitalter ertrunken waren. Er täuschte den Todesgott Miclantecuhtli, so
daß dieser ihm die sterblichen Reste überließ. Daraufhin gingen die
Zwillinge nach Tamoanchan, das den Ort bezeichnet, wo die
Schlangenmenschen landeten. Dort wurden die Knochen wie Mais zu einem
feinen Mehl gemahlen, bevor sie mit Blut vermischt wurden, um die ersten
Menschen zu schaffen. Ihre Nachfahren, die die Aztek-Nation bildeten,
herrschten über Anahuac. Die fünfte Sonne sollte mit dem Zerfall der
Herrschaft der Azteken enden. Dies sollte die Zeit sein, in der
Quetzalcoatl die Herrschaft über die Welt wiedergewinnen würde. Er
sollte Tezcatlipoca verdrängen. Dieser Gott war von den Azteken derart
gefürchtet, dass sie ihm täglich hunderte Menschen
in Tenochtitlan (der Hauptstadt, an der jetzigen Stelle der Stadt
Mexiko) opferten. Hörte man auf, seine Gunst andauernd zu erflehen, so
befürchtete man den Untergang der Welt. Teotihuacán soll der Ort
gewesen sein, wo die fünfte Sonne geboren wurde. Die Azteken glaubten,
dass ihre Toltekahnen aus der ursprünglichen Heimat, die irgendwo
hinter der Küste des Golfs von Mexiko lag, dort angekommen waren. Wer
waren also die Erbauer von Teotihuacán? Die Außenwände des Tempels
von Quetzalcoatl bieten einen Hinweis auf die ursprüngliche Heimat des
Toltekenvolkes. Seine Fassaden sind mit steinernen Köpfen von
gefiederten Schlangen bedeckt. Diese sind mit schlangenförmigen Körpern
verbunden, die sich in die Schalen verschiedener Muschelsorten hinein-
und herauswinden. Teotihuacán ist aber 320 Kilometer von der Golfküste
entfernt. Der Mittelamerika-Experte George C. Valliant macht uns darauf
aufmerksam, dass die betreffenden Muscheln nur in der Karibik vorkommen.
Diese Frage diskutiert die bekannte amerikanische Schriftstellerin
Constance Irwin in ihrem 1964 erschienenen Buch „Fair Gods and Stone
Faces“ („Gerechte Götter und steinerne Gesichter“). Sie schreibt,
dass „es fast so aussieht, als ob die Erbauer, die sich mit unermeßlicher
Sorgfalt dem Tempel widmeten, damit zum Ausdruck bringen wollten, dass
Quetzalcoatl von der Karibik in jene Gegend gekommen war“. |